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11.5.2009 21:39 Alter: 9 yrs

Süsse Verheissung: Bündner Zuckerbäcker und Cafetiers in Europa

 

<h3>Als Phänomen ist die Zuckerbäckerei wohl die interessanteste Form in der Bündner Migrationstradition. Entstanden ist dieser Berufszweig in Venedig, das während Jahrhunderten das Ziel bündnerischer Auswanderung war. Eine neue Ausstellung im Jacobs-Museum in Zürich widmet sich diesem Thema.</h3>


Die Zuckerbäcker aus Graubünden galten über lange Zeit in ganz Europa als herausragende Vertreter ihrer Zunft. In ihren Konditoreien an bester Lage verführten sie die Kundschaft mit sorgsam angefertigtem Marzipan, feinster Schokolade, kunstvollem Konfekt und Tafelschmuck, meisterhaften Kuchen, erfrischenden Limonaden, sommerlichen Eisspezialitäten, aromatischem Kaffee und anderen Köstlichkeiten.

Von der wirtschaftlichen Not zur Auswanderung gezwungen, eroberten die bodenständigen Männer aus den Bergen die Herzen der Schleckmäuler von Spanien bis Russland. Um 1740 hielten sich mehr als 3000 BündnerInnen in der Lagunenstadt Venedig auf. Viele von ihnen hatten sich auf den Kaffee­ausschank und die Zuckerbäckerei ver­legt. Sie gelten sogar als die Ersten, die Kaffee öffentlich als Genussmittel servierten. Bald dominierten sie diesen Geschäftsbereich absolut. Zu dieser Zeit waren von den 42 Konditoreien der Stadt 39 in Bündner Hand. Diese ertragreiche Bündner Aussenwirtschaft fand 1766 ein jähes Ende, als sich Chur und Venedig zerstritten. Die Bündner­Innen mussten die Stadt verlassen. Sie mussten erneut ihre Koffer packen und in die Fremde ziehen.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten verteilten sie sich über ganz Europa. In mehr als 250 europäischen Städten eröffneten sie ihre exklusiven Konditoreien und Cafés an bester Lage und erwarben sich bald einen legendären Ruf. Ihr Erfolgsrezept beruhte auf harter Arbeit und Sparsamkeit, einer ausgesprochenen Anpassungsfähigkeit an die fremden Sitten und Gepflogenheiten, geschickten Investitionsstrategien und Teilhabersystemen – und nicht zuletzt auf einer bemerkenswerten Vernetzung mit ihren Landsleuten.

Doch auch mit all diesen Zutaten versehen schafften es bei Weitem nicht alle, sich eine eigene Existenz aufzubauen. Eine gehörige Portion Glück im richtigen Moment entschied oft darüber, wer als gemachter Mann nach Hause zurückkehrte, und wer arm und von Heimweh geplagt in fremder Erde begraben wurde.

Mit Fotos, Tonstationen und zahlreichen Originalobjekten thematisiert die Ausstellung das traditionsreiche Handwerk der Zuckerbäcker und die Innovationslust der Bündner, die zweifelsohne auch zur unabdingbaren Allianz von Kaffee und Kuchen beigetragen hat. Beispielhaft werden zudem einzelne Schicksale von Bündner Auswanderern beleuchtet.

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